⚡ Kurzfazit (TL;DR)
Cannabis-Krankheiten sind fast immer Klimafolgen: zu hohe Luftfeuchte, schlechte Luftzirkulation, geschwächte Pflanzen. Wer Klima und Hygiene beherrscht, verhindert den Großteil. Die vier wichtigsten Pilzprobleme sind Echter Mehltau (weißer Belag auf Blättern), Grauschimmel/Botrytis (Blütenfäule → Kap. 6/14), Falscher Mehltau und Wurzelfäule (Pythium → Kap. 9). Das größte neue Thema ist kein Pilz, sondern ein Viroid: das Hop Latent Viroid (HLVd) verursacht das „Dudding"-Syndrom (kümmernde Pflanzen, kleine Blüten, weniger Wirkstoff), überträgt sich vor allem über Stecklinge und Werkzeuge und ist oft symptomlos — nur ein Labortest findet es sicher [Q52, Q53]. Heilbar ist es nicht; es hilft nur Hygiene, Quarantäne und Testen.
Worum es geht & warum es zählt
Eine Krankheit kann in Tagen eine Ernte vernichten — und manche, wie HLVd, schwächen einen ganzen Grow schleichend, ohne dass man die Ursache sieht. Anders als bei Schädlingen gibt es bei den meisten Krankheiten kein Gegenmittel, das wirklich heilt: Es zählt Prävention und schnelles, großzügiges Entfernen befallenen Materials. Dieses Kapitel zeigt, wie man die wichtigsten Krankheiten erkennt, auseinanderhält und ihnen vorbeugt.
🟢 Grundlagen (Basis-Ebene)
Warum Krankheiten entstehen
Die meisten Erreger sind opportunistisch — Sporen sind quasi immer in der Luft, brauchen aber bestimmte Bedingungen, um zuzuschlagen:
- Luftfeuchte dauerhaft zu hoch (Pilze lieben feucht-warm)
- stehende Luft in dichten Beständen (Feuchte staut sich)
- Temperaturschwankungen → Kondenswasser auf Blättern/Blüten
- geschwächte Pflanzen (Mangel, Stress, pH-Fehler)
- Kontamination über Werkzeuge, Hände, andere Pflanzen
Vier Pilze + ein Viroid — die Übersicht
| Krankheit | Sitzt wo | Leitsymptom | Vertieft / Verweis |
|---|---|---|---|
| Echter Mehltau | Blattoberseite | weißer, mehliger Belag | hier |
| Falscher Mehltau | Blattunterseite | Flecken oben, Belag unten | hier |
| Botrytis (Grauschimmel) | Blüteninneres | graubraune Fäule | Kap. 6 & 14 |
| Wurzelfäule (Pythium) | Wurzeln | braun, matschig, faulig | Kap. 9 |
| HLVd (Viroid) | ganze Pflanze | „Dudding", kümmern | eigener Abschnitt |
🔵 Vertiefung (Profi-Ebene)
Echter Mehltau (Golovinomyces spp.)
Sehr häufig im Indoor-Grow. Erkennung: weiß-grauer, mehliger Belag auf der Blattoberseite, beginnt als kleine Kreise und breitet sich rasch aus [Q54, Q55]. Gefördert durch warm-feuchtes Klima mit stehender Luft [Q56].
Bekämpfung/Vorbeugung:
- Luftfeuchte runter (Blüte 40–50 %), Luftzirkulation erhöhen, dichte Stellen ausdünnen [Q56].
- Kaliumbicarbonat-Spray tötet Sporen bei Kontakt (≈1 TL/L), alle ~3 Tage — eines der wenigen Mittel, die auch in der Blüte relativ sicher sind [Q54, Q55].
- Milch-Wasser (1:9) und Bacillus subtilis-Präparate als ergänzende Optionen.
- Schwefelverdampfer sehr wirksam — niemals in der Blüte (Geschmack/Rückstände).
- Befallene Blätter in Tüte entfernen, nicht kompostieren.
Falscher Mehltau (Peronospora/Plasmopara)
Seltener, aber aggressiver. Abgrenzung: Flecken (gelb bis olivbraun) auf der Oberseite, grau-weißer Belag auf der Unterseite — beim Echten Mehltau ist es umgekehrt. Gefördert durch Staunässe/sehr hohe Feuchte. Prävention (Klima/Drainage) ist entscheidend, da schwer bekämpfbar.
Botrytis & Wurzelfäule (Verweise)
- Botrytis (Grauschimmel/Bud Rot): die verheerendste Blütenkrankheit; Klima-Logik, Keimbedingungen und Spätblüte-Risiko sind in Kap. 6 & 14 vertieft [Q14, Q19]. Kurz: rF < 50 %, kräftige Umluft, befallene Blüten sofort großzügig entfernen (2–3 cm gesundes Gewebe mit), nie konsumieren.
- Wurzelfäule (Pythium/Phytophthora): Wurzeln braun/matschig, fauliger Geruch, Welken trotz feuchtem Substrat. Ursache und Gegenmaßnahmen (Wassertemperatur, Sauerstoff, Trichoderma) in Kap. 9 [Q25].
🦠 Das große Thema: Hop Latent Viroid (HLVd)
HLVd ist derzeit das wirtschaftlich bedeutendste Pathogen im Cannabisanbau [Q53]. Ein Viroid ist noch kleiner als ein Virus — nur ein kurzer RNA-Strang ohne Proteinhülle, der die Wirtszelle zur Vermehrung kapert.
Symptome („Dudding"-Syndrom): kümmernder, gedrungener Wuchs, brüchige Zweige, verformte/kleinere Blätter, kleinere und weniger Blüten, geringerer Wirkstoffgehalt [Q52, Q53]. Das Tückische: HLVd ist oft symptomlos — gerade in der Vegetation und bei frisch infizierten Pflanzen sieht man nichts [Q53].
Übertragung: vor allem über Stecklinge von infizierten Mutterpflanzen; außerdem mechanisch über Werkzeuge und Hände, in Hydro Wurzel-zu-Wurzel; eine Übertragung durch Wurzelläuse wird vermutet [Q53].
Erkennen = Testen: Sicher nachweisbar nur per Labortest (PCR). Empfehlung: eingehende Pflanzen/Stecklinge ~30 Tage quarantänisieren und in Woche 3 testen; Wurzelproben sind bei jungen Pflanzen oft zuverlässiger als Blätter, mehrere Proben aus verschiedenen Höhen nehmen [Q52, Q53].
Management (keine Heilung):
- Strikte Hygiene & Werkzeug-Sterilisation — 10 % Bleichlösung, Werkzeuge ~60 s einlegen, zerstört das Viroid [Q53].
- Nur getestet sauberes Vermehrungsmaterial verwenden, neue Pflanzen quarantänisieren.
- Infizierte Pflanzen isolieren/entfernen.
- Sauberes Genmaterial lässt sich per Meristem-Gewebekultur aus infizierten Stämmen retten [Q53].
🛠 Praxis / Schritt für Schritt
- Vorbeugen (Klima): Blüte rF < 50 %, kräftige Umluft, keine kalt-feuchten Nächte (→ Kap. 6).
- Hygiene: Werkzeuge vor jedem Schnitt desinfizieren (Isopropanol/Bleiche), keine Straßenkleidung, neue Pflanzen 2–4 Wochen Quarantäne.
- Überwachen: Blütenbasis und Blattunter-/oberseiten regelmäßig prüfen; bei unerklärlich kümmernden Pflanzen an HLVd denken.
- Bestimmen: Symptom dem Erreger zuordnen (siehe Diagramm).
- Handeln: befallenes Material großzügig entfernen; bei HLVd-Verdacht testen statt raten.
📋 Fallbeispiele
Fall 1 — Die schwache Mutterpflanze (HLVd). Alle Stecklinge einer Mutter wachsen kümmerlich, mit brüchigen Zweigen und enttäuschend kleinen Blüten — ohne Schädlinge, ohne klassische Mangelbilder. → Ursache: HLVd, über die Mutter auf alle Klone übertragen, lange symptomlos [Q53]. → Lösung: PCR-Test; infizierte Mutter und Klone entsorgen, Werkzeuge mit 10 % Bleiche sterilisieren, künftig nur getestetes Material; sauberen Phänotyp ggf. per Gewebekultur retten [Q53].
Fall 2 — Mehltau in der stehenden Ecke. In einer schlecht durchlüfteten Zeltecke zeigt sich weißer, mehliger Belag auf den oberen Blättern. → Ursache: feuchte, stehende Luft → Echter Mehltau [Q56]. → Lösung: Umluft verbessern, dichte Stellen ausdünnen, Feuchte senken, Kaliumbicarbonat alle 3 Tage; befallene Blätter in Tüte entfernen [Q54].
Fall 3 — Welken trotz feuchtem Topf. Die Pflanze hängt, das Substrat ist nass, die Wurzeln sind braun und riechen faulig. → Ursache: Wurzelfäule (Pythium) durch warmes, sauerstoffarmes Wasser/Staunässe [Q25]. → Lösung: Bewässerung reduzieren, Wassertemperatur < 22 °C, belüften, Trichoderma (→ Kap. 9).
⚠️ Häufige Fehler & Troubleshooting
| Fehler | Folge | Behebung |
|---|---|---|
| rF in der Blüte zu hoch | Botrytis, Mehltau | < 50 %, Umluft (→ Kap. 6) [Q14] |
| Stehende Luft im Bestand | Pilzherde | Ventilatoren durch den Bestand richten |
| Kümmern als „Mangel" gedeutet | HLVd breitet sich aus | bei Verdacht PCR-Test [Q53] |
| Werkzeuge nicht sterilisiert | mechanische HLVd-Übertragung | 10 % Bleiche, 60 s [Q53] |
| Schwefel in der Blüte | Geschmack/Rückstände | nur in der Veg |
| Befallene Blüten getrocknet | Schimmel im Trockenraum | vor Einlagerung prüfen |
📊 Visuals
Diagramm 1 — Krankheits-Bestimmung nach Symptom:
flowchart TD
A["Symptom?"] --> B["weißer Belag<br/>Blattoberseite"]
A --> C["Flecken oben,<br/>Belag unten"]
A --> D["graubraune Fäule<br/>im Blüteninneren"]
A --> E["Wurzeln braun,<br/>matschig, faulig"]
A --> F["kümmern, brüchig,<br/>kleine Blüten, KEIN Schädling"]
B --> B1["Echter Mehltau → Kalium-Bicarbonat, Luft"]
C --> C1["Falscher Mehltau → Klima/Drainage"]
D --> D1["Grauschimmel (Botrytis) → entfernen, rF<50% (Kap.6/14)"]
E --> E1["Wurzelfäule → Kap. 9"]
F --> F1["HLVd-Verdacht (Viroid) → Labortest (PCR)!"]
Fotos (Phase 4, Pflicht): Echter vs. Falscher Mehltau (Ober-/Unterseite), Botrytis im Blütenkern, faule Wurzel, und ein „Dudding"-Vergleich (HLVd vs. gesunde Schwesterpflanze).
🧮 Interaktiv-Hook (SF-1)
Tool: Krankheits-Diagnose + HLVd-Risikocheck.
- Eingabe: Symptome (Belag oben/unten, Blütenfäule, Wurzelbild, Kümmern ohne Schädling), Klimawerte, Herkunft der Pflanzen (Stecklinge?).
- Ausgabe: wahrscheinliche Krankheit, Sofortmaßnahmen, bei unspezifischem Kümmern ein klarer HLVd-Test-Hinweis inkl. Probenahme-Tipp (Wurzeln, Woche 3).
- Nutzen: lenkt den Blick früh auf das oft übersehene HLVd statt auf scheinbare „Mängel".
✅ Checkliste
- Blüte rF < 50 %, kräftige Umluft (→ Kap. 6)
- Werkzeuge vor jedem Schnitt sterilisiert (Bleiche/Isopropanol)
- Neue Pflanzen/Stecklinge 2–4 Wochen Quarantäne
- Nur getestetes/sauberes Vermehrungsmaterial
- Kaliumbicarbonat gegen Mehltau parat (auch blütentauglich)
- Kein Schwefel/keine ungeeignete Chemie in der Blüte
- Bei unerklärlichem Kümmern: HLVd-PCR-Test statt Dünger
- Befallenes Material großzügig entfernen, nicht kompostieren
📚 Quellen
Stufen: S1 = Peer-Review · S2 = Uni/Behörde · S3 = Fachliteratur · S4 = Hersteller/Branche · S5 = Forenkonsens. Volle Angaben in UGG-QUELLEN.md.
- [Q14] (S2) PNW Handbook — Botrytis (Klima).
- [Q19] (S4) Medicinal Genomics — Botrytis.
- [Q25] (S5) GroWell — Wurzelfäule/Pythium.
- [Q52] (S2) Oregon State University Extension — Hop Latent Viroid in Hemp.
- [Q53] (S1) Transmission, Spread, Longevity and Management of Hop Latent Viroid (peer-reviewed) — Übertragung, Test, Sterilisation, Gewebekultur.
- [Q54] (S1) Evaluation of disease management approaches for powdery mildew on Cannabis sativa — Mehltau-Management.
- [Q55] (S3) Ed Rosenthal — Identify, Prevent, and Treat Powdery Mildew.
- [Q56] (S4) AROYA — Powdery mildew: causes and prevention.
🔑 Zusammenfassung
| Krankheit | Kernpunkt | Beleg |
|---|---|---|
| Echter Mehltau | weißer Belag oben; K-Bicarbonat + Luft | Q54, Q56 |
| Falscher Mehltau | Belag unten; Klima/Drainage | — |
| Botrytis | rF < 50 %, sofort entfernen | Q14, Q19 |
| Wurzelfäule | Wasser kühl + sauerstoffreich (Kap. 9) | Q25 |
| HLVd | symptomloses Viroid; testen, Hygiene, keine Heilung | Q52, Q53 |
| Goldene Regel | Prävention + großzügiges Entfernen schlägt Behandlung | — |
Weiter: Kapitel 24 — Mangelerscheinungen UGG V3 — erstellt 2026-06-17 — alle Tatsachenbehauptungen mit Quelle belegt.